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Street Photography – ein paar Gedanken

Central Station Sydney Platform

Ich liebe Street Photography. Ohne Einschränkung. Ich könnte Stunden damit verbringen, im Buchladen Bildbände über Straßenfotografie durchzublättern. Stunden. Mich faszinieren Fotos von alltäglichen Dingen und Situationen, die jeder kennt, die jeder versteht, in denen jeder sich wiederfindet. Bei der Straßenfotografie fängt der Fotograf das Leben ein, so, wie es gerade passiert. Ungeschönt und authentisch – ein Porträt zeitgenössischer Kultur.

Für mich erzählt Straßenfotografie Geschichten. Geschichten über Menschen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort vor einem bestimmten – und nur diesem – ökonomischen, sozialen und politischen Hintergrund. Fotos von der Straße erzählen von den Menschen und ihrem Glück, ihrer Trauer, ihrem Alltag und ihren Extravaganzen. Von ihren Träumen und ihrer Wirklichkeit – und das alles aus der Perspektive des beobachtenden Fotografen.

Street Photography Sydney Central Station

Als solcher steckt man in jedem einzelnen geschossenen Bild. Der Fotograf entscheidet über Aunahmewinkel, setzt Bestimmtes in den Fokus und nimmt anderes heraus. Er bestimmt über Farben und Farblosigkeit, Vordergrund und Hintergrund, über Schärfe und Unschärfe. Neben den technischen Aspekten ist es mir vor allem wichtig, was vor die Linse kommt. Auf der Straße kann alles interessant sein. Oder eben auch nicht. Je nachdem, für welchen Betrachter. Was ich fotografiere, spiegelt deshalb wider, was mir aufgefallen ist, was ich schön, abstoßend, seltsam oder aus sonst einem anderen Grund fotografierenswert hielt. Das sehen andere Betrachter sicherlich anders. Aber auch das finde ich sehr spannend, weil über unterschiedliche Interpretationen Diskussionen erst angeregt werden.

Aber wie schafft man es nun, wirklich gute Bilder auf der Straße aufzunehmen? Tja, das ist die Frage.

Straßenfotografie Sydney Haus

Kurze Brennweite oder Teleobjektiv?

Wie ich schon sagte, ich liebe es, auf der Straße zu fotografieren. Noch hadere ich jedoch mit mir, den Auslöser zu drücken, wenn ich Menschen vor der Linse habe. In Deutschland ist es wegen des Rechts am eigenen Bild zum Teil heikel, Menschen zu fotografieren. In Australien dagegen gibt es ein solches Recht nicht. Will sagen: Es kann fotografieren, wer will, was er will und wen er will – solange er sich auf öffentlichem Grund aufhält. Eigentlich also ein Spielparadies für Straßenfotografen. Trotzdem möchte ich mit meinen Bildern niemandem zu nahe treten, auch wenn das Gesetz mir dies uneingeschränkt ermöglicht. Noch – und ich hoffe, dass sich dies einmal ändert – bin ich also zu behutsam, zu schüchtern und möchte nicht unhöflich erscheinen oder anderen Menschen zu nahe treten.

Aus diesem Grund habe ich bislang immer Teleobjektive zum Fotografieren auf der Straße verwendet. Mit diesem kann man sich einen ruhigen Ort suchen und fotografiert aus einer sicheren Distanz heraus, ohne gleich die Aufmerksamkeit der Menschenim Fokus (und damit auch deren Argwohn oder deren Ärger) auf sich zu ziehen. Nicht die feine englische Art, das weiß ich. Mein Lieblingsobjektiv, eine 35mm-Festbrennweite, ist also raus. Bis jetzt. Da ich mich in Australien jedoch gesetzmäßig auf sicherem Boden bewege, möchte ich zukünftig versuchen, kürzere Festbrennweiten und Weitwinkelobjektive einzusetzen.

Central Station Sydney Straßenfotografie

Auf einem Blog über Straßenfotografie habe ich gelesen, dass es ein gängiges Anfängerproblem ist, Menschen beim Fotografieren direkt gegenüber zu treten. Fremde anzusehen, sie anzusprechen und ihnen zu erklären, warum man tut, was man tut, dass man nichts Böses im Sinn hat et cetera P.P. – schwierige Sache. Die furchtbarste Situation wäre für mich, was viele Straßenfotografen empfehlen: Sich direkt vor einen Menschen zu stellen, ungefragt auf den Auslöser zu drücken, zu lächeln und in der Menge oder hinter der nächsten Ecke zu verschwinden. Unmöglich für mich.

Angeblich ist es leichter, mit Weitwinkelobjektiven in die Straßenfotografie einzusteigen. Man ist flexibler, läuft nicht Gefahr, dass Teile der Szene, die man festhalten möchte, abgeschnitten werden, man kann spontaner und aus kürzerer Distanz fotografieren, hat tendenziell eher zu viel als zu wenig auf dem Bild undsoweiterundsofort. Ich würde sagen, das kommt auf die Perspektive an – aus oben beschriebenen Gründen.

Tower at Central Station Sydney Seagull

Zwar berichten die meisten Straßenfotografen, dass sie selten wenn überhaupt schlechte Erfahrungen gemacht haben, wenn sie Menschen ungefragt fotografiert haben. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man das Foto löschen muss, so scheinbar die geteilte Meinung vieler. Für mich wäre jedoh nicht das Löschen des Bildes das Schlimmste, was passieren kann. Sondern die Reaktion der Menschen, die Tatsache, dass ich etwas getan habe, was sie verletzt oder wütend gemacht hat. Ich würde mich unendlich schämen. Aber ich fürchte, es ist genau dieses Risiko, das ein Straßenfotograf eingehen muss, wenn er authentische Bilder machen möchte. Früher oder später fällt hoffentlich auch bei mir die Hemmung.

Street Photography in Sydney

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