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Camping im Nirgendwo: Koonalda Homestead

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Seit Stunden sind wir auf dem Eyre Highway in South Australia unterwegs, als David plötzlich links abbiegt – und geradewegs auf die Prärie zuhält. Die Schlafenden unter uns werden unsanft geweckt, wir übrigen sammeln zu Boden gefallene Bücher auf und unseren Mut zusammen – denn David rast mit uns durch das Outback. Volle Kraft voraus geht es im goldenen Abendlicht über eine Dirt Road (ungeteert, ein schlechterer Feldweg mit Löchern, Steinen und ganzen Kratern) Richtung Nirgendwo. David hat uns alle überrascht und leicht ratlos zurückgelassen, das mag er.
Und er verrät natürlich nicht, wo dieser Höllenritt hinführen soll. Er legt sogar noch einen drauf: Die Star-Wars-Musik dreht er auf volle Pulle und lacht dazu wie ein kleines Kind, als er Bus und Anhänger über Stock und Stein jagt. Ein paarmal ächzt und kracht es, wir müssen uns gut festhalten – und haben einen Mordsspaß daran, wie wir durch die Wüste gerüttelt und geschüttelt werden.

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Ein Autofriedhof im Nirgendwo

Ungefähr auf halber Strecke zwischen Perth und Adelaide sind wir unterwegs Richtung Norden. Wir überqueren – ach was, überfliegen – den alten Eyre-Highway, eine ebensolche Dirt Road, und dann sehen wir ein par hundert Meter „tiefer“ im Outback ein Haus. Sollte hier jemand wohnen?
Als wir ankommen und David den Bus neben zwei alten Zapfsäulen stoppt, vermute ich, dass er einen seiner David-Scherze macht, von wegen: ach, jetzt ist der Sprit leer und wir sind mitten im Nirgendwo, können keine Hilfe rufen und müssen sterben, obwohl die Tankstelle vor zwei Wochen noch geöffnet war undsoweiterundsofort.
Doch nein. David verkündet, dass wir angekommen sind. Dieses Gelände mit dem verwitterten Haus, dem Autofriedhof und der Tankstelle aus früheren Zeiten war Koonalda Homestead, unser Camp für diese Nacht. Phantastisch! Um uns herum endlose Spinifex-Weite, ein paar Bäume (die ersten seit hunderten von Kilometern), die alte Siedlung und das alles im Abendlicht. Ich war hellauf begeistert!

Forgotten Cars Koonalda Homestead

Wir stiegen aus dem Bus und folgten David am Autofriedhof vorbei  zum Haus. Drinnen gab es Tische, Stühle, Betten, einen alten Kamin – als sei es erst kürzlich verlassen worden. Hier hätte ich Stunden verbringen und mir Geschichten ausdenken können, wer hier wohl gelebt hat, warum einzelne Dinge zurückgelassen wurden, … Aber dafür war keine Zeit – denn es gab ja noch so viel in diesem herrlichen Nirgendwo zu entdecken. Den Autofriedhof zum Beispiel.

Old Cars Koonalda Homestead

David erklärte uns, dass die Autos seit den Sechziger und Siebziger Jahren dort stehen: „Must have broken down, these cars, couldn’t be repaired, because, you know: it’s the outback.“ Total plausibel. Über die Jahre haben eine Menge Menschen ihre Autos hier zurückgelassen – wie die wohl weiter gereist sind? Per Anhalter vermutlich. Truly Outback! 

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Spinnen im Outback – ein raffinierter Trick, um einen sicheren Schlafplatz zu finden

Nach dem Abendessen scheuchte David uns wieder auf, diesmal ging es ein Stück weiter weg, und dort fanden wir wieder ein Haus. Diesmal nicht ganz so spektakulär, doch inzwischen war es dunkel geworden und David beeindruckte uns (mega!) mit einem Aussie-Outback-Trick. Es ging darum, in der Graslandschaft einen Schlafplatz zu finden.
David bewaffnete sich mit einer Taschenlampe, ließ den Blick durch die Landschaft schweifen, zeigte auf eine Stelle, die etwa 15 Meter von unserem Standort entfernt war, und sagte: „There’s a spider.“ – „No way!“ – „You don’t believe me? Go and see yourself.“ Und tatsächlich – an der besagten Stelle saß eine etwa einen Zentimeter große Spinne auf einem Grashalm. Wie hatte er das gemacht? Zufall? – „That wasn’t a coinicidence. It’s outback knowledge.“ –
Natürlich. Wie hätte es anders sein sollen?!? Die Zauberei dahinter ist Folgende: Man hält eine Taschenlampe auf Augenhöhe. Wer nun in der Dämmerung oder Dunkelheit in die Landschaft blickt, sieht kleine Lichtreflexe – immer paarweise. Das sind die reflektierenden Augen der Spinnen. Und so war es tatsächlich: Zig Paar silberner Punkte entdeckte ich beim Selbstversuch mit Taschenlampe. Jetzt war uns klar, dass wir dort, wo Gras wuchs, unsere Swags nicht ausrollen würden…  Faszinierend, findet Ihr nicht auch?

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Koonalda Homestead war eine wirklich tolle Station unserer Reise von Perth nach Adelaide. Obwohl ich seit Tagen nicht geduscht und keine ordentliche Toilette gesehen hatte, war ich fast ein bisschen traurig, dass wir hier die Halbzeit unserer Reise erreicht hatten. Unter den Sternen zu schlafen, war einfach nur toll, inzwischen hatte ich sogar mein Swag ins Herz geschlossen, und sogar für den kauzigen David brachte ich inzwischen Sympathie anstelle von nüchterner Akzeptanz auf.  

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Blinder Passagier 

Als wir beim Abendessen saßen (es gab zum x-ten mal Wraps), entdeckten wir plötzlich, wie sich in unserem Reisebus etwas bewegte. „There’s a mouse on the bus!“, kreischte jemand und wir sprangen auf, um den blinden Passagier aufzuspüren. Was ein Fehler war. Denn als sieben Leute im Bus herumsprangen, verfiel das arme Tierchen in Panik und raste nervös von links nach rechts, versteckte sich hinter einem Vorhang, sprang unter den Sitz und legte diverse weitere Fluchtmanöver an den Tag – bis David es fing und im Gras aussetzte.
Uff! Gottseidank! Wir Touris waren dankbar und froh, dass das putzige Tierchen jetzt wieder ein tolles und abeteuerreichens Leben in mitten dieser wahnsinnigen Natur und am Autofriedhof haben würde – David entlockte dies nur ein zynisches: „Yeah, it’ll all be super romantic. And then it gets eaten by a snake. Or killed by something else. It won’t make it through the night.“
Mhm, Mr. Superschlau, denkste! Denn das Tierchen war, wie ich recherchierte, keine Maus, sondern ein perfekt an den unwirtlichen Lebensraum angepasstes Pygmy Possum – ein Zwerg-Fuchskusu (dämlicher Name im Deutschen, findet Ihr nicht auch?!?). Ein 7 bis 10 cm großer und 8 bis 20 Gramm schwerer „Gleitsegler“, der von Baum zu Baum springen und dabei beachtliche Entfernungen (leider habe ich die genaue Angabe vergessen) durch die Luft gleiten konnte – dank der Gleitflächen zwischen seinen Extremitäten. Ein kleines Beuteltier, das man extrem selten in freier Wildbahn sieht, war uns einfach über den Weg gelaufen – wieviel Glück konnte man haben?!?

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„The prince is born“ – Australien oder Afrika?

Wir spielten schließlich Karten und genossen einen weiteren Abend voller Ruhe und dem Gefühl der Unendlichkeit des Outbacks und rollten uns schließlich in unseren Swags wohlig zusammen – fern der spinnenbewohnten, grasbewachsenen Stellen, versteht sich. Wir schliefen tief und fest, Stunde um Stunde – bis schließlich soundgewaltig verkündet wurde, dass der kleine Löwenprinz geboren worden war! Moment mal – Löwenprinz?!? David hatte sich mal wieder einen Scherz erlaubt und pünktlich zum Sonnenaufgang den „Circle of Life“ aus dem „König der Löwen“ angeschmissen. Und das war wirklich passend: Denn als wir ein paar Augenblicke später vollständig wach geworden und zu uns gekommen waren und erste Blicke aus unseren Swags heraus wagten, wähnten wir uns für einen kurzen Moment wirklich in der Savanne: Hinter den flachen Bäumen über dem Grasland erhob sich die farbgewaltige Sonne… 

Nach einem schnellen Frühstück setzten wir an Tag 5 unserer Reise den Trip gen Osten auf dem Eyre Highway fort…  

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6 Kommentare

  1. Ah…wenn ich deine Bilder anschaue, bekomme ich immer Fernweh. In Australien war ich noch nie…ist aber auf meiner Liste mit Orten wo ich fahren will.
    Übrigens…ich habe Hokkaido Kürbis genommen, Butternusskürbis geht aber auch.
    LG, Diana

    • Sarah

      Liebe Diana, danke für dein Feedback. Deine Kurbisschnecke möchte ich auf jeden Fall nachbacken :-)
      Und ja, Australien ist eine Reise – oder gleich ein paar Reisen – ganz sicher wert.
      Lieben Gruß von
      Sarah

  2. Wow, was eine Kulisse! Ist ja irre, wie die Autos da so vor sich hinrotten! Und in so einer Atmosphäre zu übernachten – traumhaft. Auch wenn man sciherlich froh ist, dass das eigene Auto genug Sprit bei sich hat 😀

    • Sarah

      Haha, Anke, ja, mit dem Sprit hast du vollkommen Recht :-) Ich fand es vor allem faszinierend, wie Menschen ihre Autos einfach in diesem wahnsinnig großen Nichts zurückgelassen haben und sich – wie auch immer – irgendwie anders weiterbewegen mussten. In Australien ist das vermutlich kein furchtbar großes Problem, weil Australier einen, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann, eigentlich nicht am Straßenrand stehen lassen, sondern sehr hilfsbereit sind. Dennoch – der Gedanke, dass man in der Wüste strandet, ist schon abenteuerlich :-)
      Liebe Grüße von
      Sarah

    • Sarah

      Sehr gerne, lieb Ronja :-) Ich hoffe, du findest den Weg 😉

      Koonalda Homestead ist wahnsinnig toll – mehr Outback geht fast gar nicht mehr.

      Lieben Gruß von
      Sarah

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