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Morgens um sieben am Pazifik

Sunrise-Bondi-Beach-1.4.14-Blog

1. April 2014, 05:00 Uhr, der Wecker klingelt zum ersten Mal: Der Boyfriend steht auf, Sportstunde am Strand, ich ziehe mir die Decke über den Kopf und schlafe weiter. Mit bleiben noch eineinhalb Stunden Schlaf, bis mich mein Handy zum zweiten Mal an diesem Morgen aus der seeligen Nachtruhe reißt. Aber ich bin guter Dinge, freue mich auf den unliebsam schrillen Weckton, denn für heute habe ich mir vorgenommen, früh am Strand zu sein. 
Das goldene Morgenlicht möchte ich sehen, möchte dabei sein, wenn in Bondi Beach der Tag beginnt, und erleben, wie die Möwen – und nicht die Menschen – am Strand in Überzahl sind. 


Um 6:54 Uhr springe ich vergnügt auf die Straße, auf dem Rücken sechs Kilo Fotoausrüstung, für einen Kaffee war noch keine Zeit. Eine fleißige Joggerin hüpft leichtfüßig den Hügel zu unserer Straße hinauf. „Wow“, denke ich, „die hat schon was geleistet heute morgen. Alle Achtung!“, und gehe beeindruckt weiter. 
Als ich auf die Campbell Parade in Richtung Meer abbiege, sehe ich eine lange Schlange vor der Bäckerei, in der ein Croissant 4.50 Dollar kostet, dahinter steigt Aktentasche nach Aktentasche in den Bus ein, ein paar Kinder in Schuluniform sind auch dabei, und als ich den Strand und den vorgelagerten Park sehe, merke ich: Ich bin echt spät dran – Bondi Beach ist bereits hellwach!


Ich komme mir vor wie in einer amerikanischen Vorstadt-Serie (nur ohne den Zeitungsjungen auf einem Fahrrad): Damen und Herren balancieren kopfüber in Yoga-Position, Surfer dümpeln in der Wellen-Ruhezone auf ihren Brettern vor sich hin, den Blick in Richtung Horizont, eine gute Welle möchte schließlich niemand verpassen. Ein älteres Paar in Badekleidung spaziert an der Wasserfront auf und ab, barfuß und Hand in Hand (Sieht so Glück aus? Ich glaube schon.), ein Kind quiekt vor Freude, als seine Mutter es an beiden Ärmchen in den seichten Wogen hoch und nieder schwingt. 

Fotografen mit beeindruckenden Gerätschaften ziehen an mir vorüber, ich senke ehrfürchtig den Blick, weil ich Angst habe, dass sie mich erstens in Aussie-Englisch ansprechen und mir zweitens eine Fotofrage stellen, die ich höchstens mit einem nervösen Lachen und einem „Sure“ beantworten könnte, bevor ich mich peinlich berührt aus dem Staub machen müsste – ich muss eben noch viel lernen. (Zum Beispiel, dass mich nicht jeder Mensch ansprechen möchte.)


Ich beobachte eine Möwe und sie mich. Ich möchte von ihr irgendwas Witziges, Vogeltypisches sehen, sie durchleuchtet mich unverfroren auf Nahrungsmittel. Füttern ist verboten! – könnte ich ihr das doch nur verständlich machen! Dann spannt sie ihre Flügel auf, lässt sich ins Wasser fallen, nimmt ein Vogelbad und schwingt sich zu ihren Möwenkollegen bei den Picknick-Hütten im Park. Hat sie mich wirklich verstanden? Die Vorstellung gefällt mir und ich setze meinen Strandspaziergang fort. Zu Ben Buckler Point möchte ich heute morgen hinaus. 

Hier hebt sich die Sonne hinter den Klippen empor und leuchtet die südliche Ostküste in warmen Goldtönen aus. Herrlich! Wer braucht das Paradies, wenn er in Bondi Beach leben kann? 

Auf den nassen Felsen, von denen sich die Flut langsam zurückzieht, treffe ich zwei Krabben. Sie beäugen mich skeptisch und trippeln seitwärts unter einen Felsen, dortin, wo das große Monster, das vor ihnen steht und sie anstarrt, nicht hin kann. Dann setzen sie ihr Frühstück fort, die linke Schere rupft etwas Tang vom Stein und stopft es in das Krabbenmaul, dann die rechte, nun wieder die linke und so immer fort. Ich lasse sie in Frieden und klettere weiter. 


Der Sandstein unter meinen Füßen schimmert in Rot, Orange, Braun, Ocker, Gelb, Schwarz. Faszinierend, welche Formen das Meer in die Felsen gewaschen hat. Manche der durch die Brandung entstandenen Becken stehen voll Wasser: Muscheln, Schnecken, Seesterne und kleine Fische warten dort drin auf die nächste Flut, die ihnen den Weg in den Ozean eben wird.

Inzwischen bin ich meinem Ziel näher gekommen, nur noch eine Treppe und wenige Schritte trennen mich von Ben Buckler. Und dann erreiche ich ihn, den Sehnsucht Weckenden, und lasse mich zu seinen Füßen nieder. Ben gefällt mir – auch wenn ich noch nicht genau weiß, was für ein Typ er ist. Um Ben Buckler ranken sich mehrere Geschichten: Die eine erzählt von ihm als einem ehemaligen Sträfling, der in einer Höhle an dem Fleckchen Erde, das heute nach ihm benannt ist, lebte und starb; eine andere berichtet von Ben Buckley, dem Bushranger, der die nördlichen Klippen zu seinem Zuhause gemacht hatte und eine lokale Größe war. 

Schließlich genieße ich den Blick bis Maroubra, erkenne den Waverly Cemetery am Coastal Walk und wäre gern der Mann, der vor dieser beeindruckenden Kulisse auf seinem Surfbrett steht und auf das Meer heraus paddelt. Das muss Freiheit sein! 


Schließlich ist es nach acht, die Sonne hat den frühen Morgennebel inzwischen komplett aufgelöst, und ich mache mich auf den Rückweg. Ein Kaffee, das wäre jetzt was Feines. Ich ziehe mir die Schuhe und das Sweatshirt aus und laufe am Wasser entlang in Richtung Kaffeemaschine.


2 Kommentare

  1. Polly sagt

    Das hört sich wunderbar an. Ich komme mir vor, als hätte ich dich in Gedanken bei dem Spaziergang begleitet. :)
    Wobei das einer dieser Spaziergänge ist, die man eigentlich nur allein machen kann.
    Ich drück dich!

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